Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar
Paul Klee

Das Projekt „Schattenreich“ der Künstlergruppe Weimar e.V.

Im Jahr 2001 vergab das Deutsche Blindenhilfswerk seinen Förderpreis für eine einzigartige Ausstellung, in der Kunst zum Fühlen, Hören und Sehen angeboten wird und damit für blinde und sehende Menschen gleichermaßen zu einem Erlebnis wird.

Das Projekt fand 2000 seinen Anfang mit der Weimarer Künstlerin Judith Noll, die gemeinsam mit blinden Frauen eine Radiosendung unter dem Titel "Wir sehen Europa anders" moderierte. Dies war das Schlüsselerlebnis zur Hinterfragung des Themas „Blinde und Kunst“. Gemalte Werke sind mehr oder weniger unzugänglich für Sehbehinderte und man muss lange suchen, um ein Werk zu finden, welches ein blinder Mensch mit den Händen "anschauen" kann und vor allem darf. Mit dieser Erkenntnis entwickelte sich das Projekt schnell durch die individuellen Möglichkeiten, Begabungen und Ausdrucksweisen verschiedener Künstler.

Mit Ideenreichtum, Phantasie und Kreativität machten die Künstler das Leben und unsere Welt für Blinde und Sehende sichtbar und beseitigten Barrieren für Nichtsehende.
So gestaltete der Weimarer Maler Norbert Gladis tastbare Skulpturen, die seinen Bildern nachempfunden sind und erfand die Kaligrafie für Blinde, Tastbilder und Schrift in Braille aus verschiedenen Materialien, wie Holz, Metall und Leder.
Die Künstler Michael Gerke und Thomas Gladis schufen eine Gipsporträtserie berühmter Persönlichkeiten. Während verschiedener öffentlicher Veranstaltungen formten sie die Gesichter von Menschen des öffentlichen Lebens mit Hilfe von Gipsbinden ab, später entstand daraus eine ausmodellierte Gipsmaske. Damit wurden die Gesichter er-fühlbar in einem unverkrampften Kontakt zu Politikern, Ministern, Prinzen, Sportlern und Wirtschaftsleuten.
Unter dem Aspekt „Hat jede Stadt ihren Klang?“ entwickelte Klaus H. Schenk Klangpostkarten, die das spezifisch Hörenswerte einer Stadt widerspiegeln. Typische Klänge einer Stadt wurden von ihm einfangen und zu akustische Stadtbildern verarbeitet. Im Rahmen der Ausstellung entstand so ein Klangpark auf stehenden Säulen, durch die jeder Besucher „blind“ gehen konnte.
Der Aachener Künstler Gerhard Mevissen und die Dresdner Künstlerin Jana Pommer-Semper gestalteten ausdrucksstarke Bilder aus Materialien, die sowohl für das Auge als auch die Hände starke Wahrnehmungseindrücke boten.
Während der vielen großen Aktionen in den Jahren 2000 und 2001 entstanden zahlreiche Kontakte und Kooperationen. Eine enge Zusammenarbeit ergab sich vor allem mit der Maria-Pawlowna-Gesellschaft e.V. Schloss Kromsdorf, der Diesterwegschule Weimar - Förderzentrum Sehen und dem Blinden- und Sehbehindertenverband Thüringen e.V.
Die Künstler investierten in die aufwendigen Veranstaltungen für großes Publikum sehr viel Kraft, was jedoch mit einer ausnahmslos positiven Resonanz der Besucher belohnt wurde.

Anlässlich der Verleihung des Förderpreises wies der Vorstandsvorsitzenden des DBHG Robert Dümmermann in seiner Laudatio darauf hin, dass dieser Preis eine Auszeichnung für Geleistetes und zugleich eine Unterstützung für weitere nachhaltige Tätigkeit ist.

Die Vereinsmitglieder freuten sich sehr über den großen finanziellen Betrag, dadurch konnten nachfolgende Projekte realisiert und wichtige Technik sowie Ausstellungssysteme bereitgestellt werden.

Nach 2001 fanden jährlich im Durchschnitt drei interaktive Ausstellungen mit Liveabformungen von Persönlichkeiten statt. Neben den bereits genannten Künstlern kamen weitere bei einzelnen Veranstaltungen dazu, so dass jede Ausstellung ihre ganz eigene Spezifik bekam. Neue Kunstwerke ergänzten die stetig wachsende Wanderausstellung. Vor allem wurde die „Gipskopfgalerie“ kontinuierlich erweitert. So zählt sie heute über 20 Exponate. Gesichter von Thüringer Ministern und Politikern, aber auch Sportlern wie Ronny Ackermann und Marlies Göhr oder der Sängerin Ute Freudenberg können nun visuell und taktil betrachtet werden.

Ein Höhepunkt von „Schattenreich“ war die Ausstellung im Lehmbruckmuseum in Duisburg 2002. Die Künstler waren stolz, in dieser bekannten Galerie ausstellen zu dürfen und bundesweite Beachtung zu finden.

Im "Jahr der Behinderten 2003“ wurde in Dresden auf ein „fühl-hör-und sicht-bares“ Ausstellungsprojekt mit Wandercharakter für blinde und sehende Menschen aufmerksam gemacht, welches gleich in zwei Galerien der sächsischen Landeshauptstadt erlebbar wurde.
Kontinuierlich zeigten sich Exponate von „Schattenreich“ auch bei Veranstaltungen in Weimar und Jena, z.B. in der Sparkasse oder im Zusammenhang mit Aktionen von Behindertenverbänden oder Messen. So diente die öffentliche Präsens der Ausstellung, das Leben der Menschen mit einer Sehbehinderung zu thematisieren.

Es ist nicht leicht den Enthusiasmus der Künstler über einen langen Zeitraum am Leben zu erhalten. Die meisten sind heute in neue Projekte eingebunden und zeigen dort ebenfalls ihr Engagement. Es ist viel Kraft notwendig, um die Kontinuität für „Schattenreich“ zu gewährleisten. Künstler lieben die Spontanität und schlagen sich nicht gern mit der Bürokratie von Förderanträgen herum. Die Vorsitzende der Künstlergruppe Weimar e.V. Judith Noll, die sich unermüdlich um die Finanzen gekümmert hat, ist heute Gesellschafterin des lokalen Fernsehsenders „Salve TV“ in Weimar und arbeitet dort fast rund um die Uhr. Zur Zeit wird „Schattenreich“ nur noch von drei aktiven Künstlern getragen. So gestaltet sich eine eigenständige Vereinsarbeit schwierig. Deshalb haben die verbliebenen Mitglieder im Juni dieses Jahres beschlossen, den Verein aufzulösen.

Damit die gute Idee und die Ausstellung nicht verloren gehen, soll das Projekt in einem größeren Verein weitergeführt werden. Seit Beginn von „Schattenreich“ gibt es eine
gute Kooperation mit der Vereinigung zur Förderung blinder und sehbehinderter Kinder und Jugendlicher e.V. und der Diesterwegschule Weimar, Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt Sehen. Dort wird das Projekt inhaltlich eingebunden. Es haben sich bereits weitere Weimarer Künstler bereit erklärt, mit ihrem schöpferisches Potential die Ausstellung zu bereichern.

Kunst schafft Verbindung und Begegnungen. Das Projekt „Schattenreich“ möchte auch zukünftig einen wichtigen Beitrag zur Integration sehgeschädigter Menschen in die Gesellschaft leisten. Es wäre daher wünschenswert, die Ausstellung „Schattenreich“ auch in anderen Bundesländern zu zeigen. .

Sabine Gladis


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