Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder,
sondern macht sichtbar
Paul Klee
|
Das Projekt Schattenreich der Künstlergruppe Weimar e.V. Im Jahr 2001 vergab das Deutsche Blindenhilfswerk seinen Förderpreis für eine einzigartige Ausstellung, in der Kunst zum Fühlen, Hören und Sehen angeboten wird und damit für blinde und sehende Menschen gleichermaßen zu einem Erlebnis wird. Das Projekt fand 2000 seinen Anfang mit der Weimarer Künstlerin Judith Noll, die gemeinsam mit blinden Frauen eine Radiosendung unter dem Titel "Wir sehen Europa anders" moderierte. Dies war das Schlüsselerlebnis zur Hinterfragung des Themas Blinde und Kunst. Gemalte Werke sind mehr oder weniger unzugänglich für Sehbehinderte und man muss lange suchen, um ein Werk zu finden, welches ein blinder Mensch mit den Händen "anschauen" kann und vor allem darf. Mit dieser Erkenntnis entwickelte sich das Projekt schnell durch die individuellen Möglichkeiten, Begabungen und Ausdrucksweisen verschiedener Künstler. Mit Ideenreichtum, Phantasie
und Kreativität machten die Künstler das Leben und unsere
Welt für Blinde und Sehende sichtbar und beseitigten Barrieren
für Nichtsehende. Anlässlich der Verleihung des Förderpreises wies der Vorstandsvorsitzenden des DBHG Robert Dümmermann in seiner Laudatio darauf hin, dass dieser Preis eine Auszeichnung für Geleistetes und zugleich eine Unterstützung für weitere nachhaltige Tätigkeit ist. Die Vereinsmitglieder freuten sich sehr über den großen finanziellen Betrag, dadurch konnten nachfolgende Projekte realisiert und wichtige Technik sowie Ausstellungssysteme bereitgestellt werden. Nach 2001 fanden jährlich im Durchschnitt drei interaktive Ausstellungen mit Liveabformungen von Persönlichkeiten statt. Neben den bereits genannten Künstlern kamen weitere bei einzelnen Veranstaltungen dazu, so dass jede Ausstellung ihre ganz eigene Spezifik bekam. Neue Kunstwerke ergänzten die stetig wachsende Wanderausstellung. Vor allem wurde die Gipskopfgalerie kontinuierlich erweitert. So zählt sie heute über 20 Exponate. Gesichter von Thüringer Ministern und Politikern, aber auch Sportlern wie Ronny Ackermann und Marlies Göhr oder der Sängerin Ute Freudenberg können nun visuell und taktil betrachtet werden. Ein Höhepunkt von Schattenreich war die Ausstellung im Lehmbruckmuseum in Duisburg 2002. Die Künstler waren stolz, in dieser bekannten Galerie ausstellen zu dürfen und bundesweite Beachtung zu finden. Im "Jahr der Behinderten
2003 wurde in Dresden auf ein fühl-hör-und sicht-bares
Ausstellungsprojekt mit Wandercharakter für blinde und sehende
Menschen aufmerksam gemacht, welches gleich in zwei Galerien der sächsischen
Landeshauptstadt erlebbar wurde. Es ist nicht leicht den Enthusiasmus der Künstler über einen langen Zeitraum am Leben zu erhalten. Die meisten sind heute in neue Projekte eingebunden und zeigen dort ebenfalls ihr Engagement. Es ist viel Kraft notwendig, um die Kontinuität für Schattenreich zu gewährleisten. Künstler lieben die Spontanität und schlagen sich nicht gern mit der Bürokratie von Förderanträgen herum. Die Vorsitzende der Künstlergruppe Weimar e.V. Judith Noll, die sich unermüdlich um die Finanzen gekümmert hat, ist heute Gesellschafterin des lokalen Fernsehsenders Salve TV in Weimar und arbeitet dort fast rund um die Uhr. Zur Zeit wird Schattenreich nur noch von drei aktiven Künstlern getragen. So gestaltet sich eine eigenständige Vereinsarbeit schwierig. Deshalb haben die verbliebenen Mitglieder im Juni dieses Jahres beschlossen, den Verein aufzulösen. Damit die gute Idee und
die Ausstellung nicht verloren gehen, soll das Projekt in einem größeren
Verein weitergeführt werden. Seit Beginn von Schattenreich
gibt es eine Kunst schafft Verbindung und Begegnungen. Das Projekt Schattenreich möchte auch zukünftig einen wichtigen Beitrag zur Integration sehgeschädigter Menschen in die Gesellschaft leisten. Es wäre daher wünschenswert, die Ausstellung Schattenreich auch in anderen Bundesländern zu zeigen. . Sabine Gladis |